Donnerstag, 16. Oktober 2014

Standort Volksgemeinschaft

Mir ist wieder mal ein herziges Büchlein in die Hände gefallen. Der Titel lautet Israel kontrovers. Eine theologisch-politische Standortbestimmung. Die Autoren sind ein evangelischer und ein katholischer Theologe: Peter Bingel, der nach eigener Auskunft »vielfältig engagiert [ist] in Bereichen, wo Menschen ihrer existenziellen Grundrechte beraubt werden«, und Winfried Belz, der sich »[s]eit 1995 intensiv mit dem Nahostkonflikt« befasst haben will. So steht es in den Autorenporträts, die vermutlich von den beiden Pappnasen selbst geschrieben wurden. Diese Selbstauskunft ist ebenso großmäulig wie nichtssagend und soll anscheinend die fachliche Qualifikation ersetzen, die den Autoren fehlt.

Ihre These lautet: »Die gegenwärtigen Kämpfe und Auseinandersetzungen um die politische und moralische Existenz, um die Bedeutung, Gestalt und Politik des Staates Israel sind jedoch nicht zu verstehen ohne den ständigen Rückgriff auf die religiösen und mythologischen Vorstellungen und politischen Entwicklungen der Vergangenheit.« Bingel und Belz gehen also in Scholl-Latour-Manier an ihr Thema heran. Aktuelle politische Konflikte außerhalb der westlichen Welt lassen sich dieser Auffassung nach nur verstehen, indem man sie kulturalisiert und sich damit der essentiellen Geschichtslosigkeit aller außerhalb Europas lebenden Menschen versichert. So geht es Bingel und Belz um die »Wesensart« des Judentums, das eine seit über 3.000 Jahren existierende »Volksgemeinschaft« sei. Diesen Nazi-Sprech verwenden die Autoren durchgängig und völlig unkritisch.

Kennen sich Bingel und Belz denn wenigstens aus mit der Geschichte des israelitischen Volkes und des Judentums? Das würde dem Buch immerhin eine gewisse Glaubwürdigkeit verleihen, ganz unabhängig davon, wie man die Frage, ob man zum Verständnis des Nahostkonflikts wirklich bis in die Antike zurückgehen muss, beantwortet. Aber nein, Bingel und Belz kennen sich nicht aus, sondern sind einfach nur dumm, faul und ahnungslos. In ihrer Bibliographie sind gerade einmal zwei im engeren Sinne historische Werke über die Geschichte des alten Israel aufgeführt, Martin Noths Geschichte Israels, die erstmals 1950 erschien, und Georg Fohrers gleichnamiges Buch von 1977. Bingel und Belz stützen sich vor allem auf Noth, der ein zu seiner Zeit bahnbrechendes Werk verfasste, das heute aber völlig veraltet ist. Über 60 Jahre archäologische, sozial- und kulturgeschichtliche sowie historisch-anthropologische Forschung werden von ihnen weitgehend ignoriert.

Aber der Rückgriff auf die Antike dient Bingel und Belz letztlich nur dazu, das alte Israel als einen blutrünstigen, ›orientalisch‹-fanatischen Haufen zu zeichnen, für den »alles Nichtjüdische unrein und strikt abzulehnen war«, mit einem »Volksgott« dessen Lieblingsbeschäftigung die »genozidale Vernichtung« feindlicher Bevölkerungen gewesen sei. Dieses Bild des alten Israel (und des späteren Judentums) haben sich Bingel und Belz natürlich nicht selbst ausgedacht. Es handelt sich um ein Bild, das im Rahmen des christlichen Antijudaismus (oder religiösen Antisemitismus, um es deutlicher zu sagen) entstanden ist und die gesamte Kirchengeschichte geprägt hat: das Judentum als eine Religion überheblichen Stolzes, die Juden und ihr Gott als Mörder von Frauen und Kindern. Bingel und Belz bekennen sich offen zu diesem religiösen Antisemitismus, indem sie von jüdischer »Christenverfolgung« fabulieren und die moralische Überlegenheit des Christentums betonen: »Aus Jesu Verkündigung und aus dem Neuen Testament ergibt sich [...] ein völlig anderes Gottesbild als aus großen Teilen der Hebräischen Bibel: Gott, wie wir ihn aus dem Neuen Testament kennen, ist keiner, der etwa vielfachen Mord an Einwohnern kanaanitischer Städte befehlen würde, um Platz für das einwandernde Volk Israel zu schaffen.« Bingel und Belz beziehen sich hier auf die Geschichten der Hebräischen Bibel, die die Eroberung des Landes Kanaan nach dem Auszug Israels aus der ägyptischen Sklaverei beschreiben. Bei diesen Geschichten handelt es sich nach einhelliger Meinung der heutigen Archäologie und Geschichtswissenschaft nicht um Historie, sondern um Sagen, die nie stattgefundene Ereignisse schildern. Man sieht: Bingel und Belz haben gute Gründe, sich nicht für den aktuellen Stand der Forschung zu interessieren. Ihr christliches Gottesbild braucht als Negativfolie das Klischee des himmlischen Tyrannen, der angeblich im Alten Testament sein Unwesen treibt.

Es mutet auf den ersten Blick verquer an, dass über den Gott der Hebräischen Bibel (also des Alten Testaments bzw. der jüdischen Bibel) zahlreiche kriegerische Geschichten erzählt werden, die aber keine historische Grundlage haben – während im Namen des vermeintlich friedliebenden christlichen Gottes jede Menge Kriege geführt wurden, wie jeder Mensch weiß, der schon mal ein Geschichtsbuch in der Hand hatte. Dennoch gibt es eine einleuchtende Erklärung, wie es dazu gekommen ist: Das Judentum (und auch schon das alte Israel) befand sich im Laufe seiner Geschichte fast immer in einer Position der Machtlosigkeit. In einer solchen Lage macht es Sinn, an einen starken, wehrhaften Gott zu glauben. Das Christentum hingegen agierte von der Konstantinischen Wende bis heute vor dem Hintergrund imperialer Macht, und Imperien haben sich von jeher zu Versöhnern und Friedensstiftern stilisiert. Christliche Theolog_innen treibt dieser Sachverhalt oft in eine geradezu jämmerliche Verteidigungshaltung, die mit allerlei Abwehrreaktionen einhergeht. Andere Religionen (neben dem Judentum oft auch der Islam) müssen dann als Sündenböcke herhalten, und ihnen wird das vorgeworfen, was man sich selber zuschreiben müsste: zu blutigen Feldzügen die religiöse Begleitmusik geliefert zu haben.

Nun gibt es auch christliche Theolog_innen, die sich um Verständigung mit dem Judentum und kritische Selbstreflektion der eigenen Geschichte bemühen, und diesen gilt Bingels und Belzens ganzer Hass: Sie betrieben eine »Nach-Auschwitz-Theologie«, die aus einer übetriebenen »Betroffenheit über den Holocaust« erwachsen sei, und verrieten den »zentralen Christusglauben«, um sich beim Judentum anzubiedern. Die Teufelsaustreibung folgt auf den Fuß. Eine solche Theologie sei »in der Glaubensauffassung häretisch«, also Ketzerei, sprechen die beiden Hobby-Inquisitoren das Urteil.

Die Hauptstoßrichtung des Buches verläuft aber nicht gegen ketzerische Elemente in den eigenen Reihen. In erster Linie geht es gegen das Judentum und Israel. Haben Bingel und Belz erst einmal die mordgierige »Wesensart« des Judentums anhand ihrer christlich-antijudaistischen Interpretation des Alten Testaments identifiziert, können sie die gleiche »Wesensart« auch heute überall beobachten – vor allem im Zionismus und in der israelischen Politik. Es gebe »viele Parallelen« zwischen den alttestamentlichen Sagen und dem heutigen Judentum (womit sie die Bevölkerung Israels meinen), versichern Bingel und Belz treuherzig. Die »Mehrheit der Juden« sehe Palästinenser_innen »nicht als Personen mit einer Menschenwürde und menschlichen Empfindungen«. Israel sei ein fundamentalistisch-religiöser Staat, dessen Politik von »Eroberung, Landraub, Vertreibung und Vernichtung der einheimischen Bevölkerung in der Hebräischen Bibel unmittelbar vorgegeben [ist] – damals waren es die Kanaaniter, heute sind es die Palästinenser«. Der Zionismus »erinnert durchaus an die einstige deutsche Ideologie von ›Blut und Boden‹«. Die Nachfahren der Schoa-Opfer sind in Bingels und Belzens Sicht also die Nazis von heute – so behaupten sie in einem Buch, dessen Anspruch darin liegt, Debatten über den Nahostkonflikt »mehr rationalen Grund und Boden« zu bieten.

Auch in dem Abschnitt über Geschichte und Gegenwart des Staates Israels zeigt sich, dass die beiden Autoren es nicht für nötig halten, sich gründlich zu informieren oder auch nur sorgfältig zu arbeiten. Den Unterschiede zwischen dem orthodoxen Judentum und den Charedim (den sogenannten Ultraorthodoxen) scheinen ihnen nicht bekannt zu sein. Von der nationalreligiösen Strömung des Zionismus sprechen sie oft, kennen aber augenscheinlich seine von starken Brüchen gekennzeichnete ideologische Entwicklung nicht mal in Ansätzen. Israels Politik sei ethnozentrisch und partikularistisch. An keiner Stelle erwähnen sie, dass Israel ein multiethnischer Staat ist, in dem neben Jüdinnen und Juden auch Araber_innen, Beduin_innen, Drus_innen und Tscherkess_innen leben. Sie stützen sich auf Norman Finkelsteins berüchtiges Werk Die Holocaust-Industrie, taufen den Autor aber auf den Namen »Norbert Finkelstein«. Bingels und Belzens Buch ist 2013 bei Rotpunkt erschienen, jedoch mit einer Karte, die die Landverteilung zwischen Israel und den Palästinenser_innen im Jahr 2000 zeigt, als es noch israelische Siedlungen im Gazastreifen gab.

Wissen sie es nicht besser, oder wollen sie es nicht wissen? Vielleicht beides, aber das eigentliche Problem mit diesem Buch ist ohnehin nicht mangelndes Wissen. Wer meint, die angeblich seit Jahrtausenden unveränderte »Wesensart« einer »Volksgemeinschaft« entdeckt zu haben, betreibt völkisches Denken in Reinkultur. An keiner Stelle in Bingels und Belzens Buch wird das deutlicher als in folgender über den Sechstagekrieg von 1967: »Auf geradezu wundersame Weise war in kürzester Zeit nicht nur die Jerusalemer Altstadt [...] in jüdische Hand gekommen, sondern auch das bis dahin den Palästinensern unter jordanischer Hoheit verbliebene Westjordanland«. Zum historischen Hintergrund: Jordanien hatte nach dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 das Westjordanland annektiert, d.h. seinem Staatsgebiet offiziell einverleibt. International wurde diese Annektion nur von Großbritannien und Pakistan anerkannt. Ja, es ist geradezu wundersam: Im Weltbild von Bingel und Belz gehörte das von Jordanien beanspruchte Land vor 1967 dennoch »den Palästinensern«. Heute dagegen, da der Großteil der palästinensischen Bevölkerung der Westbank unter der Hoheit der Palästinensischen Autonomiebehörde (die sich übrigens schon jetzt als palästinensischer Staat versteht) lebt, gehört das Land auf ebenso wundersame Weise nicht »den Palästinensern«, sondern ist »in jüdische Hand gekommen«. Hier hören Bingel und Belz endgültig auf, im Rahmen historischer Tatsachen zu argumentieren. Die Westbank ist in ihren Augen nicht etwa militärisch besetzt, schon gar kein umstrittenes Territorium (wie es weltweit viele gibt), sondern ist »den Juden« in die gierigen Hände gefallen. Sofort sehen Bingel und Belz wieder den Teufel, den sie austreiben wollen. In der antisemitischen Tradition ist Israel nicht nur eine »Volksgemeinschaft«, sondern der Erzfeind aller anderen »Volksgemeinschaften«, und in dieser Tradition stehen auch die beiden völkischen Theologen.