Samstag, 31. Mai 2014

Der Fluch der Pharaonen

Zuerst die beruhigende Nachricht: Es gibt keinen Fluch des Pharaos. Es gibt nur die Geschichte vom Fluch des Pharaos, die übrigens aus wenigen, übersichtlichen Elementen besteht. Hier ist sie. 1922 fand eine Expedition unter Leitung von Howard Carter das Grab des Tutanchamun, eines Pharaos der 18. Dynastie, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr. regierte. Bei der Öffnung des Grabes soll eine Tontafel mit der Inschrift »Death shall come on swift wings to him that toucheth the tomb of the pharaoh« entdeckt worden sein. Die Tafel sei sodann verschwunden und von niemandem je wieder gesehen worden. Und von 1923 bis 1930 starben ungefähr 15 Personen, die an der Expedition beteiligt gewesen waren oder das Grab nach seiner Öffnung betreten hatten.

Mysteriös, nicht wahr? Die Sage vom Fluch des Pharaos behauptet nun, die Tafel sei eine ernstgemeinte Warnung gewesen. Weil Carter & Co. sich nicht daran gehalten haben, seien sie von dem Fluch getroffen worden. Uneins ist man sich darüber, wie genau der Fluch funktioniert. Eine beliebte Hypothese lautet, dass die Pharaon_innen ihre Gräber mit giftigen Pilzen gesichert hätten. Betritt nun jemand die Grabkammer, nachdem sie jahrtausendelang verschlossen war, atmet diese Person das konzentrierte Pilzgift ein und geht elendiglich zugrunde. Philipp Vandenberg, um den es hier hauptsächlich geht, hält nichts von dieser Erklärung. Er präsent in seinem Buch Der Fluch der Pharaonen eine weitaus abgedrehtere Idee: Die alten Ägypter_innen hätten die Radioaktivität gekannt. Schenkt man Vandenberg Glauben, dann wurde vor 3000 Jahren am Nil Uran abgebaut und u.a. dazu verwendet, die Grabkammern im Tal der Könige gezielt zu verstrahlen. Lustigerweise lassen sich mit dieser Behauptung alle möglichen Dinge erklären, der Untergang der Titanic zum Beispiel. Der Ozeanriese habe eine altägyptische Mumie an Bord gehabt, die direkt hinter der Brücke verstaut worden sei, so Vandenberg. Edward Smith, der Kapitän, sei aufgrund der von der Mumie ausgehenden Strahlung nicht mehr ganz zurechnungsfähig gewesen, deshalb habe er sein Schiff mit vollem Tempo auf einen Eisberg brettern lassen.

Wer das gern glauben möchte, übersieht jedoch einige Problemchen, vor allem aber eins: Es gibt keinen Fluch des Pharao. Bevor man sich darüber Gedanken macht, wie dieser sagenumwobene Fluch funktioniert, sollte man sich besser fragen, ob er überhaupt existiert. Und da sieht es leider schlecht aus.

Zunächst die Tontafel mit der unheilverkündenden Inschrift. Die hat es höchstwahrscheinlich nie gegeben. Im Katalog der Fundstücke taucht sie nicht auf. Auch Carter erwähnt sie an keiner Stelle. Und obwohl es zahlreiche bekannte Fotos aus dem Innern des Grabes gibt, existiert kein einziges Foto der Tafel. Vandenberg behauptet, Carter habe die Tafel aus Rücksicht auf den Aberglauben der einheimischen Arbeiter heimlich verschwinden lassen. Native superstitions – immer eine beliebte Erklärung. Es deutet jedoch einiges darauf hin, dass es sich in Wirklichkeit nicht um einen ägyptischen, sondern um einen westlichen Aberglauben handelt. Als die Entdeckung des Grabes bekannt wurde, überschlug sich die Presse geradezu im Erfinden und Verbreiten von Gerüchten. Das Publikum nahm diese dankbar auf. Ein fast unberührtes Pharaonengrab wird schließlich nicht alle Tage entdeckt, und man war begierig auf Sensationen. Die ominöse Warnung auf der Tafel war wahrscheinlich von einer ähnlich lautenden Formulierung aus einem Roman der okkultistischen Schriftstellerin Marie Corelli inspiriert, die gemäß einer Quelle »No good will come of disturbing Pharaoh’s bones« und einer anderen zufolge »The most dire punishment follows any rash intruder into a sealed tomb«* lautete.

So gar nichts besonderes sind die Todesumstände der Personen, die mit dem Grab in Berührung gekommen waren. Sie hatten nämlich ganz verschiedene Todesursachen, darunter Altersschwäche, Suizid und Allerweltskrankheiten wie Pneumonie. Im Schnitt wurden sie 70–80 Jahre alt und lagen damit vermutlich über der durchschnittlichen Lebenserwartung der damaligen Zeit. Vandenberg betont zwar, dass viele der angeblich vom Fluch Getroffenen unter mysteriösen Umständen gestorben seien – bei näherem Hinsehen lösen sich die Mysterien aber meist in Luft auf. So heißt es zum Beispiel, dass exakt zum Zeitpunkt des Todes von Lord Carnarvon, der die Expedition finanziert hatte, in Kairo der Strom ausfiel. Das wirkt allerdings höchstens von Deutschland aus ungewöhnlich, denn in vielen Großstädten auf der ganzen Welt gehören regelmäßige Stromausfälle zum Alltag. Im Kairo der zwanziger Jahre wird es nicht anders gewesen sein.

Es gab also keine Tafel mit einer bedrohlichen Inschrift und keine Häufung außergewöhnlicher Todesfälle. Der Fluch des Pharaos fällt flach. Bleibt die Frage, wie Vandenberg auf die Idee mit der Radioaktivität kam. Wahrscheinlich hat er sie von Arthur Conan Doyle, der bereits in den zwanziger Jahren (also sehr zeitnah zur Entdeckung des Grabes) meinte, von Mumien gingen gefährliche Strahlen aus, und diese Auffassung auch öffentlich vertrat. Nun war gerade Doyle eine Person, auf die man sich möglichst nicht berufen sollte, wenn es darum geht, eine ernstzunehmende Hypothese zu formulieren. Wer sich den berühmten Schöpfer von Sherlock Holmes als einen nüchternen und rationalen Menschen vorstellt, liegt völlig falsch. Doyle hatte Zeit seines Lebens einen Hang zum Aberglauben und zum Spektakel. Er war Freimaurer und interessierte sich brennend für mysteriöse Ereignisse wie das Verschwinden der Mannschaft der Mary Celeste (ein Schiff, das 1872 verlassen im Atlantik treibend gefunden wurde). Nach dem 1. Weltkrieg, in dem Doyles Sohn Kingsley gefallen war, verstärkte sich diese Tendenz noch. Doyle war nunmehr überzeugt, dass es möglich sei, mit Hilfe des Spiritismus Kontakt zum Jenseits aufzunehmen. Er stürzte sich geradezu begierig auf alles, was als übernatürliches Phänomen wahrgenommen werden konnte, wie insbesondere seine prominente Rolle in der Bekanntmachung der Feen von Cottingley zeigt. John Rateliff nannte Doyle nicht zu Unrecht »the most gullible man who ever lived«. Ob Vandenberg ein vergleichbar naiver Gläubiger ist (oder einfach ein Autor, der weiß, wo das Geld liegt), vermag ich nicht zu sagen.

* Nicholas Reeves, The Complete Tutankhamun, London 1995, S. 62f.

Kommentare:

  1. Kingsley starb meines Wissens gar nicht mal direkt an einer Kriegsverletzung, sondern an der Spanischen Grippe. In jedem Fall war Doyle wohl trotz seiner rationalistischen Sherlock-Holmes-Geschichten in der Tat seither ein überzeugter Spiritist; besonders faszinierend in diesem Kontext fand ich immer seine Freundschaft und Rivalität mit Harry Houdini, der ausgerechnet als "Magier" genau die entgegengesetzte Rolle spielte, nämlich als eine Art "Myth Buster" der 1920er. Doyle wollte ihm nie so recht glauben, dass er kein echter Zauberer war; beide legten ihre diesbezüglichen Weltbilder in "A Magician Among the Spirits" (1924) bzw. "The Edge of the Unknown" (1930) dar.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Im Internet habe ich zwei einander widersprechende Angaben zu Kingsley Doyles Todesursache gefunden: Einmal heißt es, er sei ein Opfer der Grippe geworden. Dann wieder, er habe sich an der Somme eine Verwundung zugezogen und sei während der Rekonvaleszenz an einer Lungenentzündung gestorben. Leider hatte ich keine Zeit, mir eine Doyle-Biographie zu suchen, um überprüfen zu können, was davon stimmt.

      In Doyles Non-Fiction muss ich echt irgendwann mal einen Blick werfen ...

      Löschen