Donnerstag, 23. Januar 2014

Deutsche Religionskritische Essayisten

Es gibt einen gewissen Typus des Religionskritischen Essayisten (RkE) in Deutschland, bei dem mir regelmäßig das Lästern (oder, wie im Falle von Michael Schmidt-Salomon, auch das Ärgern) kommt. Dieser Typus ist eines der Dinge, die Deutschland für mich so überaus unsympathisch machen. Für seine Fans ist der RkE dagegen eine Art Guru, dessen Funktion vor allem darin besteht, in simplen Schemata die Welt zu (v)erklären.*

So etwa Norbert Rohde, in dessen Pamphlet Abschied von der Bibel. Vom alten Glauben zum neuen Wissen sich folgende denkwürdige Aussage findet:
Alle Götter der Völker spiegeln auch den jeweiligen Volkscharakter wieder.
Von solch faschistoidem Stuss ausgehend, entwirft Rohde in immer  neuen sumpfig-assoziativen Schilderungen seine Sicht des jüdischen ›Volkscharakters‹, denn Rohdes Buch ist in weiten Teilen nichts anderes als eine speichelsprühende Polemik gegen den Gott der hebräischen Bibel. Für Rohde führt von der vermeintlichen »eitle[n] Sucht der israelitischen Priester, sich mit Glanz und Prunk zu umgeben« eine direkte Linie zu den »Beutelisten der SS, mit dem geraubten Schmuck, den Goldzähnen und vielerlei Vermögenswerten der Millionen jüdischen Holocaust-Opfer«. Schuld am Holocaust sind – die Juden. Als Beweis führt Rohde das 31. Kapitel des Buches Numeri an, in dem ein israelitischer Kriegszug erzählt wird. Offenbar übersteigt es das Vorstellungsvermögen des RkE, dass es sich bei biblischen Texten wie diesem in der Regel um Sagen handelt, und nicht um historische Berichte. Ist die aberwitzige These erst etabliert, kann der teutonische Glaubensverächter sich so richtig austoben: In Rohdes Kapitel »Jahwes Priester« wird man beim Lesen abgestoßen von immer neuen Ausfällen gegen die »Verderbtheit der mosaischen Priesterkaste«, die »in eitler Selbstdarstellung« ihren »sadistische[n] Neigungen« huldige.

Man könnte einen Norbert Rohde als ungebildeten Einzelfall abtun, würden nicht weitere RkEs in ähnlich trüben Gewässern fischen. So Hubertus Mynarek, der das Vorwort zu Rohdes Hetzschrift verfasste und regelmäßig im Dunstkreis von freireligiösen und esoterischen Gruppierungen anzutreffen ist. Dies gilt zum einen für die Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft (stets in dieser merkwürdigen Schreibweise), die in der Nachkriegszeit als Sammelbecken für christentumsfeindliche Nazis diente. Jahrzehntelang spiritus rector der Deutschen Unitarier war die Religionswissenschaftlerin Sigrid Hunke, deren Arbeiten in den vierziger Jahren von der SS gefördert wurden. Zum anderen hat Mynarek sich in den vergangenen Jahren der Psychosekte Universelles Leben (UL) angenähert, die häufig verdeckt unter dem Namen ihrer zahllosen Vorfeldorganisationen auftritt und sich dezidiert kirchenkritisch gibt. In einer mittlerweile eingestellten UL-Zeitschrift ließ Redakteur und Sektenmitglied German Murer einst die Bemerkung fallen, Deutschland sei »ein Spielball herrschsüchtiger Juden«.** Es scheint, als sei dem RkE die eine Religion nicht gleich der anderen: Über das Judentum wird bis zur Diffamierung hergezogen, während man für rechtslastige Eso-Gruppen mehr als nur Sympathie aufbringt.

Auch Karlheinz Deschner, unbestritten der Papst unter den RkEs, gibt aus der Nähe betrachtet keine besonders gute Figur ab. Der Theologe Joachim Kahl, der sich als Gentleman-Religionskritiker alter Schule sieht, kritisiert das misanthropische Menschenbild von Deschners Aphorismen und wirft ihm ein demokratiefeindliches Politikverständnis vor. Kahls Kritik kommt allerdings etwas zu gutmütig-onkelhaft daher, wenn man Deschners Auslassungen über Deutschland und die USA unter die Lupe nimmt. Betrachten wir zunächst zwei teutonische Aphorismen des RkEs und Kahls Empörung darüber:
Deutsch sein heißt die Fresse halten!
Alla tedesca. Vom Krieger zum Arschkriecher – Teutoniens Weg ins 21. Jahrhundert.
Kahl spricht von »hysterisch anmutende[m] Hass Deschners auf Deutschland und alles Deutsche«. Wo der in den beiden Aphorismen zu finden sein soll, ist mir allerdings schleierhaft. Deschner sagt schließlich nichts anderes, als dass Deutsche im 21. Jahrhundert Arschkriecher seien und die Fresse hielten. Zuvor (vor ’45?) hielten die Deutschen anscheinend nicht die Fresse, denn sie waren stolze Krieger – revisionistische Anti-Reeducation-Ideologie in zweieinhalb Sätzen.

Passendere Worte als Kahl findet Armin Pfahl-Traughber, der Deschners hier und anderswo aufblitzendes »deutschnationales Geschichtsbild« punktgenau identifiziert.*** Pfahl-Traughber arbeitet heraus, wie Deschner für sein Buch Moloch USA eine rechtsradikale Verschwörungstheorie verdaut hat, derzufolge die Amis die hauptsächliche Weltkriegsschuld tragen und Hitler von der Wall Street finanziert wurde. Ganz in diesem Sinne benutzt Deschner eine Fälschung als Quelle und relativiert NS-Verbrechen. Pfahl-Traughber:
Aus diesen [Deschners] Ausführungen lässt sich wohl nur entnehmen, dass die US-Amerikaner schlimmer als die Nationalsozialisten waren – und letztere dann auch nicht als gar zu verderblich gelten könnten.
Mit der Wall-Street-Verschwörungstheorie setzt Deschner jedoch letztlich einfach nur den ewigen Yankee an die Stelle des ewigen Juden, der bei Rohde noch ganz ohne ideologische Verschleierung auf den pamphletistischen Scheiterhaufen kommt. Doch ganz gleich ob Yank oder Jude, der hinter den Kulissen allgegenwärtig agierende, den Nazi-Wahnsinn höchstselbst verschuldende Finsterling ist hier wie dort vorhanden. Die Deutschen tauchen in diesem Bild nur als Opfer auf. Nicht weiter verwunderlich ist denn auch, dass Moloch USA – neben den Protokollen der Weisen von Zion – auf verschwörungstheoretischen Websites wie geheimpolitik.de eifrig rezipiert wird.

Deschners Fans scheint das alles nicht zu irritieren. Ein anderer Kritiker des Christentums, Rudolf Augstein, prägte den treffenden Begriff vom ›konstitutionellen Nazi‹. Aber die aufgeklärte, human gesinnte und kritisch denkende Leser_innenschaft von Rohde, Mynarek und Deschner wird sicherlich erklären können, warum der auf sie nicht zutrifft.

* Es scheint sich bei den RkEs ausschließlich um Männer zu handeln.
** Murer hat sich nachträglich von seiner Aussage distanziert. Trotzdem bewirkt sie bei mir akuten Brechreiz.
*** Bzw. so genau identifiziert, wie dies einem BfV-Mitarbeiter und Extremismustheoretiker eben möglich ist.

1 Kommentar:

  1. Sehr guter Kommentar, vor allem bezüglich Norbert Rohde. Habe mich mit ihm auch schon an verschiedenen Stellen auseinandergesetzt, unter anderem hier: http://www.theismus.de/?p=155. Solche "Gurus", wie sie sie treffend nennen, finden wirklich zu schnell Anhänger.

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