Sonntag, 14. April 2013

Robert Eisenman (Fortsetzung)

Zweiter Teil eines hier begonnenen Blogposts über die Theorien Robert Eisenmans.

Woher nimmt Robert Eisenman die in seinem Buch Jakobus, der Bruder von Jesus geradezu zwanghaft verfolgte Idee, die Qumranrollen enthielten Nachrichten über das Urchristentum, die dem Neuen Testament in entscheidenden Punkten widersprächen? Eisenman  hat in dieser Hinsicht die Nachfolge des britischen Althebraisten John Marco Allegro angetreten. Allegro war in den 1950er Jahren Mitglied eines internationalen Teams von Archäologen und Althebraisten, das an der Entzifferung eines Teils der ab 1948 in Qumran entdeckten Schriftstücke arbeitete. Nachdem Allegro seinen Teamkollegen zunächst vorgeworfen hatte, den Publikationsprozess der bearbeiteten Texte unnötig zu verzögern, verstrickte er sich in mit der Zeit immer absurdere Züge annehmende Theorien über die Bedeutung der Qumranfunde.

Es sind vor allem drei Ideen, um die Allegros Gedanken immer wieder kreisten. Zunächst befasste er sich mit einem der in Qumran gefundenen Schriftstücke, der Kupferrolle (so genannt, weil sie tatsächlich aus Kupferblech besteht). Diese enthält eine Auflistung von an verschiedenen Orten verborgenen Gold- und Silbervorräten. Allegro gelangte zu der Überzeugung, die Schriftrolle zeige den Weg zu einem heute immer noch auffindbaren Schatz an, und unterstellte seinem Teamkollegen Józef T. Milik, die Veröffentlichung des Textes absichtlich zu verschleppen, um der Öffentlichkeit die Existenz des Schatzes vorzuenthalten. Allegro veröffentlichte deshalb 1960 das Buch The Treasure of the Copper Scroll, mit dem er seine lange Karriere der Selbstdarstellerei als mutiger Querdenker und Außenseiter der Qumranforschung begann. Was Allegro allerdings ignorierte, weil es nicht zu dem Image passte, das er aufzubauen begann: Milik hatte bereits 1959 – damit weitaus weniger aufsehenerregend, aber wissenschaftlich seriöser vorgehend – eine Übersetzung der Kupferrolle in der Fachzeitschrift Revue Biblique veröffentlicht. 1962 erschien auch Miliks Edition des Originaltextes. Der Schatz, von dessen Existenz Allegro überzeugt war, wurde bis heute nicht gefunden.

Konnte man diese Episode noch als harmlose Exzentrizität abtun, holte Allegro zehn Jahre später zu seinem größten Wurf aus: In dem 1970 erschienenen Buch The Sacred Mushroom and the Cross (deutsche Übersetzung unter dem Titel Der Geheimkult des heiligen Pilzes) vertrat er die Auffassung, das Urchristentum habe sich zur Erzeugung religiöser Rauschzustände halluzinogener Pilze bedient. Jesus habe als historische Person nicht existiert, sondern sei eine kollektive Halluzination seiner Jünger_innen gewesen. Mit der Veröffentlichung dieser Theorie verspielte Allegro sein wissenschaftliches Renommee. Neben anderen angesehenen Gelehrten distanzierte sich Allegros Mentor, der Semitist Godfrey Driver, öffentlich von The Sacred Mushroom and the Cross,  und der Verlag entschuldigte sich für die Publikation des Buches. Allegro musste seine Stelle an der Universität Oxford aufgeben.

In der psychedelischen Gegenkultur der 1970er Jahre stieß Allegros Buch dagegen auf lebhaftes Interesse. In der Tat lässt es sich einordnen in eine ganze Reihe von weniger an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierten, dafür aber dicht am Zeitgeist liegenden Jesusdarstellungen. Der wichtigste Vorläufer von The Sacred Mushroom and the Cross dürfte Leben und Tod des Jesus von Nazareth von Joel Carmichael sein. Der US-amerikanische Publizist und Historiker behauptete darin, Jesus sei ein bewaffneter Revolutionär gewesen und als solcher von der römischen Besatzungsmacht hingerichtet worden. Das Original des Buches, The Death of Jesus, erschien 1964 – vier Jahre, bevor Che Guevara in Bolivien unter den Augen der CIA erschossen wurde. Weitere zwei Jahre später, mit Allegros Buch, war Jesus vom antiimperialistischen Guerillero zu einer  psychedelischen Drogenvision geworden.

Der populäre Erfolg ermutigte Allegro, auch nach dem Verlust seiner akademischen Reputation weiter zu veröffentlichen. 1979 erschien The Dead Sea Scrolls and the Christian Myth. Allegro behauptet darin, das Urchristentum sei aus einer Fehlinterpretation der Qumranschriften entstanden. Er hält daran fest, dass Jesus nie gelebt habe, ist aber nunmehr der Ansicht, die in den Qumrantexten vorkommende Gestalt des Lehrers der Gerechtigkeit sei das historische Vorbild für die mythische Figur Jesus gewesen. Damit bewegen wir uns in unmittelbarer Nähe zu den Theorien Robert Eisenmans, der den Lehrer der Gerechtigkeit bekanntlich mit Jesu Bruder Jakobus gleichsetzt.

Fantasy- und SF-Leser_innen mögen Allegros skurrile Ideen bekannt vorkommen. In der Tat finden sie mehrfach Erwähnung in Philip K. Dicks Roman The Transmigration of Timothy Archer, der erstmals 1982 erschien. Die Titelfigur des Romans basiert auf dem anglikanischen Bischof James Pike. Pike, der von 1958 bis 1966 Bischof von Kalifornien war, nutzte sein kirchliches Amt, um sich für Bürgerrechte und Mindestlöhne einzusetzen, war aber gleichzeitig eine erratische Persönlichkeit, die sich in obskure theologische Kontroversen verstrickte, an Poltergeistphänomene glaubte und an Séancen teilnahm. Allegros Schriften übten einen wachsenden Einfluss auf Pike aus, der sich zunehmend vom traditionellen Christentum entfremdete. Die von Allegro aufgeworfene (und auf ziemlich eigenartige Weise beantwortete) Frage nach der Existenz des historischen Jesus stürzte ihn in eine tiefe Glaubenskrise. 1969 verirrte Pike sich in der judäischen Wüste, wo er nach dem Ort der Versuchung Jesu in der Wildnis suchte (Matthäus 4,1). Während seine Frau Diane Kennedy, die ihn bei dem schlecht vorbereiteten Ausflug in die Wüste begleitete, nach Hilfe suchte, stürzte Pike in ein tief eingeschnittenes Flussbett und starb. Seine Leiche wurde erst nach einer mehrtägigen Suche (an der sich auch ein Medium beteiligte, das Pikes Aufenthaltsort durch Befragung der Geisterwelt feststellen wollte) von Angehörigen der israelischen Armee gefunden.* Philip K. Dick war ein enger Freund des exzentrischen Bischofs und setzte ihm mit seinem Roman ein Denkmal.

1988 starb John Marco Allegro, und Robert Eisenman trat in seine Fußstapfen. Zunächst erneuerte Eisenman Allegros Vorwürfe, die Publikation der Qumranschriften würde absichtlich verzögert. Anfang der neunziger Jahre gelang es ihm, eine neue Welle öffentlichen Interesses an dem angeblichen mysteriösen Schicksal der Schriftrollen zu erzeugen. Eisenman verdankt diesen Erfolg in erster Linie dem Buch The Dead Sea Scrolls Deception  (1991) von Michael Baigent und Richard Leigh,* das in Deutschland unter dem Titel Verschlußsache Jesus zum Bestseller wurde und in seinem Untertitel beanspruchte, »die Wahrheit über das frühe Christentum« zu enthüllen. Hauptgewährsmann für die in Verschlußsache Jesus vertretenen Ideen war Eisenman. Die beiden Autoren entwickeln darin eine veritable Verschwörungstheorie, in der das wissenschaftliche Team, dem Allegro in den 1950ern angehört hatte, zu einer Gruppe von Dunkelmännern wird, die vom Vatikan beauftragt worden sei, die Qumranschriften vor der Öffentlichkeit zu verbergen, da deren Inhalt dazu angetan sei, das Selbstverständnis der katholischen Kirche in seinen Grundfesten zu erschüttern. Vier Jahrzente nach ihrer Entdeckung, so Baigent und Leigh, sei noch immer nur ein kleiner Teil der in Qumran gefundenen Texte öffentlich zugänglich. Das bedeute zwingend, dass die zurückgehaltenen Schriften brisante Informationen über Jesus und die Entstehung des Urchristentums enthielten. Das Autorenduo stört sich dabei nicht weiter an der Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Verschlußsache Jesus bereits 80 % der Qumrantexte in wissenschaftlichen Editionen vorlagen. Allegro wird in Baigents und Leighs Darstellung zum einsamen Dissidenten, der von einer finsteren Koalition aus Kirchenfürsten und wissenschaftlichem Establishment ins fachliche und persönliche Abseits getrieben wurde.

Nach dem Erfolg von Verschlußsache Jesus schob Eisenman einen Band Jesus und die Urchristen nach, der hastig angefertigte Übersetzungen von einigen Texten aus Qumran enthielt und Einleitungen enthielt, in denen Eisenman die Texte in seinem Sinne interpretierte. Er ging also durchaus strategisch vor: Nachdem Baigent und Leigh die irrige Auffassung verbreitet hatten, die Texte würden unter Verschluss gehalten, zog Eisenman sie mit großer Geste aus seiner Tasche hervor. 1998 folgte die deutsche Ausgabe seines großen Buches über Jakobus, in dem er auf 900 Seiten das Ideenkonglomerat ausbreitet, das ich im ersten Teil dieses Blogposts dargestellt habe. Die in Qumran gefundenen Texte sind mittlerweile in Faksimiles, Transkriptionen und Übersetzungen vollständig zugänglich. Es hat sich bestätigt, dass die Texte Jesus oder andere zentrale Personen aus dem Neuen Testament nicht erwähnen und auch nicht aus urchristlicher Zeit stammen. Doch der von Allegro, Eisenman und ihren Nachfolger_innen fabrizierte Mythos hat sich unwiderruflich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt.

* Die Einzelheiten schildert dieser Artikel.
** Baigent und Leigh verdanken ihre Bekanntheit dem gemeinsam mit Henry Lincoln veröffentlichten Buch Der Heilige Gral und seine Erben, mit dem die Verschwörungstheorie um die Prieuré de Sion erstmals zum öffentlichkeitswirksamen Phänomen wurde.