Donnerstag, 14. März 2013

Johannes der Evangelist in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten

Die Bildmonographien von Rowohlt sind eine verbreitete und vielgelesene Reihe von Einführungsbänden über Denkerinnen, Künstler und historische Persönlichkeiten. Sie sind zwar nicht unbedingt gleichzusetzen mit wissenschaftlichen Reihen wie den Junius-Einführungen oder der Denker-Reihe von C.H. Beck (es geht ihnen weniger um eine Rekapitulation des Forschungsstandes als darum, die dargestellten Persönlichkeiten in Bildern und ausführlichen Zitaten anschaulich zu machen), gelten aber durchaus als seriös.

Vor diesem Hintergrund erlebt man doch die eine oder andere Überraschung, wenn man in der Bildmonographie über den Evangelisten Johannes blättert. Nun muss fairerweise gesagt werden, dass über den Verfasser des Johannesevangeliums so gut wie nichts weiß, was als historisch gesichert gelten könnte – nicht einmal, ob er wirklich Johannes hieß, oder ihm dieser Name erst nachträglich beigelegt wurde, da die kirchliche Tradition den Apostel Johannes, den Sohn des Zebedäus, mit dem Verfasser des vierten Evangeliums gleichsetzte. Im Johannesevangelium selber wird allerdings nicht der Apostel, sondern ein namenlos bleibender »Jünger, den Jesus liebte« als Autor genannt. Fest steht eigentlich nur, dass das Johannesevangelium gegen Ende des 1. Jahrhunderts (oder in den ersten Jahren des 2. Jahrhunderts) entstanden ist.

Johannes Hemleben, den Verfasser der Bildmonographie, scheren solche historisch-kritischen Fragen wenig. Er nimmt einfach an, der vierte Evangelist sei mit dem Apostel Johannes der kirchlichen Tradition identisch und habe mit seinem Evangelium den Grundstein für ein bis heute bestehendes »esoterisches Christentum« gelegt. Diese erstaunliche Behauptung erklärt sich vor allem daraus, dass Hemleben Anthroposoph und Pfarrer der Christengemeinschaft ist. Die Anthroposophie Rudolf Steiners sieht sich bekanntlich nicht als Religion, sondern als eine »Geisteswissenschaft« an, womit weniger die herkömmlichen Humanwissenschaften gemeint sind, sondern vielmehr ein esoterisches »Wissen des Geistesmenschen«, das diesem aus der Welt des Übersinnlichen zukomme. Um aber auch den kultisch-religiösen Wünschen seiner Anhänger_innen entgegenzukommen, billigte Steiner 1922 die Gründung der Christengemeinschaft, die seitdem eine eigene Konfession für Anthroposoph_innen darstellt. Ihre Lehre besteht aus einer Mischung protestantisch-christlicher und anthroposophischer Elemente, u.a. wird der Glaube an Reinkarnation vertreten. Das Johannesevangelium hat unter den neutestamentlichen Texten eine besondere Bedeutung für die Christengemeinschaft, da ihm entnommen wird, Christus sei »der Schöpfer der Welt, der sichtbaren und der unsichtbaren«, der »die Menschheit vor dem Untergang in einem nur äußerlich-materialistischen Leben errettet«. Das ist zum einen eine eher zweifelhafte Interpretation des Johannesevangeliums, zum anderen aber entspricht es ziemlich deutlich der anthroposophischen Weltanschauung.

Mit der kenne ich mich nun nicht gerade en detail aus (schon deshalb nicht, weil ich persönlich lieber beim Materialismus bleibe), so dass ich nicht sagen kann, inwiefern Hemlebens »esoterisches Christentum« mit ihr identisch ist. Festzustellen ist jedenfalls, dass Hemleben sich nicht nur nicht am Mangel von historisch zuverlässigen Quellen stört, sondern auch durch die historisch unzuverlässigen Quellen mäandernd mal hier, mal da etwas aufklaubt, was ihm eben in sein Konzept eines »esoterischen Christentums« passt. Mit Vorliebe bedient er sich der Legenda aurea, einer Sammlung von Heiligenlegenden, die von dem Erzbischof Genuas Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert verfasst wurde. Darin steht naturgemäß wenig über den historischen Autor des Johannesevangeliums, dafür aber umso mehr über den Apostel Johannes, wie die kirchliche Tradition ihn darstellt – eine Unterscheidung, mit der Hemleben sich wie gesagt nicht aufhält. Interessanterweise erwähnt Hemleben auch die Legende, derzufolge Maria Magdalena mit einem Boot nach Südfrankreich gereist sei und dort die christliche Kirche eingeführt habe.* Diese (historisch äußerst unwahrscheinliche) Überlieferung ist bekanntlich eine der Keimzellen der Verschwörungstheorie um die Prieuré de Sion, deren elaborierteste Version besagt, Maria Magdalena sei bei ihrer Ankunft in Frankreich von Jesus schwanger gewesen, und ihr Sohn sei zum Vorfahren der fränkischen Dynastie der Merowinger und später des französischen Hochadels geworden.

Stellt sich die Frage, womit der Pfarrer einer Waldorf-Kirche sich zum Verfasser einer Einführung in ein historisches Thema (die in einer zwar populär gehaltenen, aber seriösen Reihe erschienen ist) qualifiziert hat, wo er doch allem Anschein nach Esoterik und Geschichtsschreibung nicht auseinanderhalten kann? Sein Vorname wird es nicht sein, denn er hat außer dem Johannes-Band auch noch die Rowohlt-Bildmonographien über Darwin, Galilei, Haeckel, Kepler, Steiner und Teilhard de Chardin verfasst. Man müsste glatt mal darauf achten, ob sich unter den Verfasser_innen der Bildmonographien noch mehr schräge Vögel finden lassen.

* Mir ist leider schon wieder entfallen, über welche verqueren Umwege des Denkens Hemleben diese Legende mit dem Evangelisten bzw. dem Apostel in Verbindung bringt.

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