Sonntag, 14. April 2013

Robert Eisenman (Fortsetzung)

Zweiter Teil eines hier begonnenen Blogposts über die Theorien Robert Eisenmans.

Woher nimmt Robert Eisenman die in seinem Buch Jakobus, der Bruder von Jesus geradezu zwanghaft verfolgte Idee, die Qumranrollen enthielten Nachrichten über das Urchristentum, die dem Neuen Testament in entscheidenden Punkten widersprächen? Eisenman  hat in dieser Hinsicht die Nachfolge des britischen Althebraisten John Marco Allegro angetreten. Allegro war in den 1950er Jahren Mitglied eines internationalen Teams von Archäologen und Althebraisten, das an der Entzifferung eines Teils der ab 1948 in Qumran entdeckten Schriftstücke arbeitete. Nachdem Allegro seinen Teamkollegen zunächst vorgeworfen hatte, den Publikationsprozess der bearbeiteten Texte unnötig zu verzögern, verstrickte er sich in mit der Zeit immer absurdere Züge annehmende Theorien über die Bedeutung der Qumranfunde.

Es sind vor allem drei Ideen, um die Allegros Gedanken immer wieder kreisten. Zunächst befasste er sich mit einem der in Qumran gefundenen Schriftstücke, der Kupferrolle (so genannt, weil sie tatsächlich aus Kupferblech besteht). Diese enthält eine Auflistung von an verschiedenen Orten verborgenen Gold- und Silbervorräten. Allegro gelangte zu der Überzeugung, die Schriftrolle zeige den Weg zu einem heute immer noch auffindbaren Schatz an, und unterstellte seinem Teamkollegen Józef T. Milik, die Veröffentlichung des Textes absichtlich zu verschleppen, um der Öffentlichkeit die Existenz des Schatzes vorzuenthalten. Allegro veröffentlichte deshalb 1960 das Buch The Treasure of the Copper Scroll, mit dem er seine lange Karriere der Selbstdarstellerei als mutiger Querdenker und Außenseiter der Qumranforschung begann. Was Allegro allerdings ignorierte, weil es nicht zu dem Image passte, das er aufzubauen begann: Milik hatte bereits 1959 – damit weitaus weniger aufsehenerregend, aber wissenschaftlich seriöser vorgehend – eine Übersetzung der Kupferrolle in der Fachzeitschrift Revue Biblique veröffentlicht. 1962 erschien auch Miliks Edition des Originaltextes. Der Schatz, von dessen Existenz Allegro überzeugt war, wurde bis heute nicht gefunden.

Konnte man diese Episode noch als harmlose Exzentrizität abtun, holte Allegro zehn Jahre später zu seinem größten Wurf aus: In dem 1970 erschienenen Buch The Sacred Mushroom and the Cross (deutsche Übersetzung unter dem Titel Der Geheimkult des heiligen Pilzes) vertrat er die Auffassung, das Urchristentum habe sich zur Erzeugung religiöser Rauschzustände halluzinogener Pilze bedient. Jesus habe als historische Person nicht existiert, sondern sei eine kollektive Halluzination seiner Jünger_innen gewesen. Mit der Veröffentlichung dieser Theorie verspielte Allegro sein wissenschaftliches Renommee. Neben anderen angesehenen Gelehrten distanzierte sich Allegros Mentor, der Semitist Godfrey Driver, öffentlich von The Sacred Mushroom and the Cross,  und der Verlag entschuldigte sich für die Publikation des Buches. Allegro musste seine Stelle an der Universität Oxford aufgeben.

In der psychedelischen Gegenkultur der 1970er Jahre stieß Allegros Buch dagegen auf lebhaftes Interesse. In der Tat lässt es sich einordnen in eine ganze Reihe von weniger an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierten, dafür aber dicht am Zeitgeist liegenden Jesusdarstellungen. Der wichtigste Vorläufer von The Sacred Mushroom and the Cross dürfte Leben und Tod des Jesus von Nazareth von Joel Carmichael sein. Der US-amerikanische Publizist und Historiker behauptete darin, Jesus sei ein bewaffneter Revolutionär gewesen und als solcher von der römischen Besatzungsmacht hingerichtet worden. Das Original des Buches, The Death of Jesus, erschien 1964 – vier Jahre, bevor Che Guevara in Bolivien unter den Augen der CIA erschossen wurde. Weitere zwei Jahre später, mit Allegros Buch, war Jesus vom antiimperialistischen Guerillero zu einer  psychedelischen Drogenvision geworden.

Der populäre Erfolg ermutigte Allegro, auch nach dem Verlust seiner akademischen Reputation weiter zu veröffentlichen. 1979 erschien The Dead Sea Scrolls and the Christian Myth. Allegro behauptet darin, das Urchristentum sei aus einer Fehlinterpretation der Qumranschriften entstanden. Er hält daran fest, dass Jesus nie gelebt habe, ist aber nunmehr der Ansicht, die in den Qumrantexten vorkommende Gestalt des Lehrers der Gerechtigkeit sei das historische Vorbild für die mythische Figur Jesus gewesen. Damit bewegen wir uns in unmittelbarer Nähe zu den Theorien Robert Eisenmans, der den Lehrer der Gerechtigkeit bekanntlich mit Jesu Bruder Jakobus gleichsetzt.

Fantasy- und SF-Leser_innen mögen Allegros skurrile Ideen bekannt vorkommen. In der Tat finden sie mehrfach Erwähnung in Philip K. Dicks Roman The Transmigration of Timothy Archer, der erstmals 1982 erschien. Die Titelfigur des Romans basiert auf dem anglikanischen Bischof James Pike. Pike, der von 1958 bis 1966 Bischof von Kalifornien war, nutzte sein kirchliches Amt, um sich für Bürgerrechte und Mindestlöhne einzusetzen, war aber gleichzeitig eine erratische Persönlichkeit, die sich in obskure theologische Kontroversen verstrickte, an Poltergeistphänomene glaubte und an Séancen teilnahm. Allegros Schriften übten einen wachsenden Einfluss auf Pike aus, der sich zunehmend vom traditionellen Christentum entfremdete. Die von Allegro aufgeworfene (und auf ziemlich eigenartige Weise beantwortete) Frage nach der Existenz des historischen Jesus stürzte ihn in eine tiefe Glaubenskrise. 1969 verirrte Pike sich in der judäischen Wüste, wo er nach dem Ort der Versuchung Jesu in der Wildnis suchte (Matthäus 4,1). Während seine Frau Diane Kennedy, die ihn bei dem schlecht vorbereiteten Ausflug in die Wüste begleitete, nach Hilfe suchte, stürzte Pike in ein tief eingeschnittenes Flussbett und starb. Seine Leiche wurde erst nach einer mehrtägigen Suche (an der sich auch ein Medium beteiligte, das Pikes Aufenthaltsort durch Befragung der Geisterwelt feststellen wollte) von Angehörigen der israelischen Armee gefunden.* Philip K. Dick war ein enger Freund des exzentrischen Bischofs und setzte ihm mit seinem Roman ein Denkmal.

1988 starb John Marco Allegro, und Robert Eisenman trat in seine Fußstapfen. Zunächst erneuerte Eisenman Allegros Vorwürfe, die Publikation der Qumranschriften würde absichtlich verzögert. Anfang der neunziger Jahre gelang es ihm, eine neue Welle öffentlichen Interesses an dem angeblichen mysteriösen Schicksal der Schriftrollen zu erzeugen. Eisenman verdankt diesen Erfolg in erster Linie dem Buch The Dead Sea Scrolls Deception  (1991) von Michael Baigent und Richard Leigh,* das in Deutschland unter dem Titel Verschlußsache Jesus zum Bestseller wurde und in seinem Untertitel beanspruchte, »die Wahrheit über das frühe Christentum« zu enthüllen. Hauptgewährsmann für die in Verschlußsache Jesus vertretenen Ideen war Eisenman. Die beiden Autoren entwickeln darin eine veritable Verschwörungstheorie, in der das wissenschaftliche Team, dem Allegro in den 1950ern angehört hatte, zu einer Gruppe von Dunkelmännern wird, die vom Vatikan beauftragt worden sei, die Qumranschriften vor der Öffentlichkeit zu verbergen, da deren Inhalt dazu angetan sei, das Selbstverständnis der katholischen Kirche in seinen Grundfesten zu erschüttern. Vier Jahrzente nach ihrer Entdeckung, so Baigent und Leigh, sei noch immer nur ein kleiner Teil der in Qumran gefundenen Texte öffentlich zugänglich. Das bedeute zwingend, dass die zurückgehaltenen Schriften brisante Informationen über Jesus und die Entstehung des Urchristentums enthielten. Das Autorenduo stört sich dabei nicht weiter an der Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Verschlußsache Jesus bereits 80 % der Qumrantexte in wissenschaftlichen Editionen vorlagen. Allegro wird in Baigents und Leighs Darstellung zum einsamen Dissidenten, der von einer finsteren Koalition aus Kirchenfürsten und wissenschaftlichem Establishment ins fachliche und persönliche Abseits getrieben wurde.

Nach dem Erfolg von Verschlußsache Jesus schob Eisenman einen Band Jesus und die Urchristen nach, der hastig angefertigte Übersetzungen von einigen Texten aus Qumran enthielt und Einleitungen enthielt, in denen Eisenman die Texte in seinem Sinne interpretierte. Er ging also durchaus strategisch vor: Nachdem Baigent und Leigh die irrige Auffassung verbreitet hatten, die Texte würden unter Verschluss gehalten, zog Eisenman sie mit großer Geste aus seiner Tasche hervor. 1998 folgte die deutsche Ausgabe seines großen Buches über Jakobus, in dem er auf 900 Seiten das Ideenkonglomerat ausbreitet, das ich im ersten Teil dieses Blogposts dargestellt habe. Die in Qumran gefundenen Texte sind mittlerweile in Faksimiles, Transkriptionen und Übersetzungen vollständig zugänglich. Es hat sich bestätigt, dass die Texte Jesus oder andere zentrale Personen aus dem Neuen Testament nicht erwähnen und auch nicht aus urchristlicher Zeit stammen. Doch der von Allegro, Eisenman und ihren Nachfolger_innen fabrizierte Mythos hat sich unwiderruflich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt.

* Die Einzelheiten schildert dieser Artikel.
** Baigent und Leigh verdanken ihre Bekanntheit dem gemeinsam mit Henry Lincoln veröffentlichten Buch Der Heilige Gral und seine Erben, mit dem die Verschwörungstheorie um die Prieuré de Sion erstmals zum öffentlichkeitswirksamen Phänomen wurde.

Donnerstag, 21. März 2013

Robert Eisenman

Man kann von L. Sprague de Camp ja halten, was man will. Mit seinen Ausfällen gegen die literarische Moderne, der er Dekadenz und Erotismus vorwarf, um ihr die Fantasy als leuchtendes Beispiel einer »gesunden« Literatur entgegenzustellen, hat er der Fantasy jedenfalls einen Bärendienst erwiesen. Manchmal kann ich aber nicht umhin, seinen sturen und altmodischen Rationalismus sympathisch zu finden. Etwa seinen Kommentar zur pseudowissenschaftlichen Rezeption von Platons Atlantismythos:
Man kann nicht alle Details von Platons Erzählung verändern und immer noch behaupten, Platons Bericht vor sich zu haben. Das wäre dasselbe wie zu behaupten, dass der sagenhafte König Arthur »in Wirklichkeit« die Königin Kleopatra gewesen sei; man muss lediglich Kleopatras Geschlecht, Herkunft, Zeitstellung, Naturell, Charakter und andere Kleinigkeiten ändern und schon wird die Ähnlichkeit offensichtlich.*
Damit hat er das typische Vorgehen von Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien wunderbar anschaulich zusammengefasst. In Robert Eisenmans Buch Jakobus, der Bruder von Jesus liegt exakt dieselbe Argumentationsweise vor: Man muss nur annehmen, dass die (unter Fachleuten weitgehend unumstrittene) Methode der Radiokarbondatierung ein Schwindel sei; man muss weiterhin annehmen, dass die neutestamentlichen Quellen zur Entstehung des Urchristentums eine bewusste Fälschung darstellten, während Jahrhunderte später entstandene apokryphe Schriften zuverlässig Auskunft über die Ereignisse unmittelbar nach Jesu Kreuzigung geben – und schon wird offensichtlich, dass die Qumranschriften nicht, wie allgemein angenommen wird, aus vorchristlicher Zeit stammen, sondern authentische Dokumente aus der Jerusalemer Frühzeit des Christentums sind.

Um zu diesem Schluss zu gelangen, bedient Eisenman sich einer, wie er sagt, »kumulativen« Methode, um nicht Schritt für Schritt vorgehen zu müssen. Er pickt sich lieber hier ein paar Namen aus den Quellen zusammen, stellt dort ein paar unmöglich zu widerlegende, aber mit enormer Selbstsicherheit vorgetragene Behauptungen auf und verfährt dabei so chaotisch, dass er bei Leser_innen, die sich mit der Quellenlage nicht auskennen, unweigerlich den Eindruck größter Gelehrsamkeit machen muss.

Im Mittelpunkt seines Buches (sofern es einen gibt) steht Jakobus der Gerechte. Der war ein Bruder Jesu, von dem wir allerdings recht wenig wissen. Aus den Briefen des Paulus und der Apostelgeschichte ist zu erfahren, dass Jakobus in der sich nach Jesu Tod in Jerusalem bildenden Urgemeinde eine angesehene Persönlichkeit war, so dass die kirchliche Tradition später aus ihm den ersten Bischof gemacht hat. Das ist allerdings eine ziemlich anachronistische Sichtweise, denn ein mit der späteren Kirchenhierarchie vergleichbares Bischofsamt gab es zu Jakobus’ Lebzeiten noch nicht. Das Urchristentum war keine organisierte Kirche, sondern eine kleine, in sich sehr heterogene Bewegung, die sich noch nicht vom Judentum getrennt hatte und aus zeitgenössischer Sicht auch nicht von diesem zu unterscheiden war. Der im Neuen Testament enthaltene Jakobusbrief ist im Namen des Jesusbruders überliefert, doch ist es eher unwahrscheinlich, dass der ländliche Galiläer Jakobus diesen in gutem Griechisch gehaltenen Text verfasst haben könnte. Vermutlich liegt mit dem »Jakobusbrief« eher ein Beispiel für die in der urchristlichen Literatur typische Praxis vor, falsche Verfassernamen anzugeben, um dem Text durch einen angesehenen Namen Autorität zu verleihen. Der zeitgenössische jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet, Jakobus sei im Jahre 62 vom Jerusalemer Hohen Rat wegen Übertretung der Tora zur Steinigung verurteilt und hingerichtet worden – ein Justizmord, der laut Josephus weit über urchristliche Kreise hinaus für Empörung sorgte, denn Jakobus war wohl für seine strenge Einhaltung der Tora bekannt und hatte daraus seinen Beinamen »der Gerechte« bezogen.

Diese dürftigen, aber historisch einigermaßen gesicherten Angaben nutzt Eisenman, um einen aus allen möglichen Bestandteilen gemixten Hypothesenbrei anrühren zu können. Zusammengefasst lautet seine Theorie etwa folgendermaßen: Das Urchristentum war in Wirklichkeit gar keine auf einen Dämonen austreibenden, in Armut lebenden Wanderpropheten zurückgehende jüdisch-messianische Bewegung, sondern eine schlagkräftige Koalition bewaffneter Gruppen, deren Ziel es gewesen sei, die Römer und die herodianischen Fürsten mit militärischen Mitteln aus Judäa und Galiläa zu vertreiben und das hasmonäische Königreich (ein unabhängiger jüdischer Staat, der im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. bestand) wiederzubegründen. Jakobus sei der Anführer dieser Koalition gewesen, die Eisenman anachronistisch als »das Oppositionsbündnis« bezeichnet, und  sei von ihr während der Belagerung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 sogar zum Hohenpriester ausgerufen worden. Jesus, der ungleich berühmtere der beiden Brüder, sei dagegen nur ein »Überlieferungskonglomerat« und habe womöglich nie gelebt. Das »Oppositionsbündnis« sei eine radikal nationalistische Bewegung gewesen, die jeden römischen oder hellenistischen Einfluss auf das Judentum fanatisch bekämpft habe.

Wie erklärt Eisenman, dass die zeitgenössischen Quellen, also vor allem das Neue Testament und Josephus, nichts von alledem berichten? Ganz einfach, die Quellen lügen oder sind gefälscht. Eisenman traut vor allem Josephus jede Schandtat zu. In der Tat verfolgte Josephus mit seinen Schriften zur jüdischen Geschichte ein bestimmtes Interesse: Er wollte sich beim römischen Kaiserhaus einschmeicheln und ihm ein für das Imperium ungefährliches Judentum präsentieren. Wer als Jude mit Waffengewalt oder Worten gegen die römische Herrschaft kämpfte, war in Josephus’ Augen gemeingefährlich oder verrückt. Doch sollte stutzig machen, dass Josephus ausgerechnet von Jakobus in respektvoller Weise spricht und ihn keineswegs auf die herabsetzende Weise beschreibt, die er jüdischen Aufständischen vorbehält. Eisenman hat auch dafür eine Erklärung parat: Gegen Jakobus und sein »Oppositionsbündnis« war ein Komplott und eine großangelegte Vertuschungsaktion im Gange.

Der Apostel Paulus, den Eisenman als eine Art mobilen Beauftragten des »Hohenpriesters« Jakobus beschreibt, sei ein Doppelagent gewesen. Um ihn zum idealen Verräter an der nationalistischen Sache des »Oppositionsbündnisses« zu machen, dichtet Eisenman ihm eine Abstammung aus dem mit Rom verbündeten herodianischen Königshaus an. Paulus habe sich in die glühend nationalistischen Kreise eingeschlichen, denen Jakobus vorstand, um zunächst einen heimtückischen Anschlag auf sein Leben zu begehen und dann eine neue Religion zu verkünden, die den romfeindlichen Glauben des Jakobus und seiner Gefolgsleute ersetzen sollte. Und Paulus sei erfolgreich gewesen, denn das Neue Testament ist in Eisenmans Augen eine tendenziöse »Überschreibung«, die die wahre Geschichte bewusst verschleiere und die neue Religion des Paulus verkünde. Um Jakobus’ Bedeutung zu schmälern und letztlich den Bruder zu ersetzen, deutet Eisenman an, habe Paulus die messianische Figur Jesus erfunden.

Den Ausdruck »Überschreibung« verwendet Eisenman ständig. Er ermöglicht ihm, die verschiedensten im Neuen Testament geschilderten Ereignisse als »Überschreibungen« der wahren Geschehnisse abzuwerten. So soll ein in den paulinischen Briefen und der Apostelgeschichte beschriebener theologischer Konflikt zwischen Paulus auf der einen und Anhänger_innen des Jakobus auf der anderen Seite, bei dem es um die Frage ging, ob vom Heidentum zum Christentum konvertierte Menschen sich an die in der Tora überlieferten Speiseregeln halten und sich (sofern sie männlich waren) beschneiden lassen sollten oder nicht, die »Überschreibung« des erbitterten Kampfes zwischen der romfreundlichen Haltung des Paulus und dem Nationalismus des Jakobus darstellen. Fast das ganze Neue Testament bestehe aus solchen »Überschreibungen« (sprich: Fälschungen), deutlichere Spuren der wahren Geschichte seien allenfalls in apokryphen Schriften zu finden. Insbesondere beruft Eisenman sich immer wieder auf die pseudoclementinischen Homilien, die angeblich seine Hypothese zur Entstehung des Urchristentums stützten.

Zum Vergleich: Die ältesten neutestamentlichen Texte, die Briefe des Paulus, entstanden Ende der vierziger und Anfang/Mitte der fünziger Jahre des ersten Jahrhunderts, ungefähr zwanzig Jahre nach Jesu Tod. Die andere Hauptquelle zur Entstehung des Urchristentums, die Apostelgeschichte des Lukas, wurde wahrscheinlich gegen Ende des 1. Jahrhunderts verfasst. Die für Eisenman als Quelle so wertvolle apokryphe Schrift, die Homilien, entstand irgendwann zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert (im ungünstigsten Fall also über 300 Jahre nach den Ereignissen) und ist nach Ansicht der seriösen Forschung der antiken Romanliteratur zuzurechnen und nicht der Gattung des historischen Berichts. Um seine Hypothese aufrechterhalten zu können, muss Eisenman die relevanten Quellen als Fälschungen denunzieren und vergleichsweise randständige Quellen aufwerten. Zu beachten ist jedoch, dass Eisenman mit seinen bevorzugten Quellen ebenso willkürlich umgeht wie mit denen, die er verschmäht – es fällt nur weniger ins Auge. Eisenman nutzt aus, dass der Inhalt des Neuen Testaments den meisten Leser_innen weitaus vertrauter sein dürfe als obskure apokryphe Schriften, die nur in wissenschaftlichen Editionen vorliegen und der Öffentlichkeit ansonsten unbekannt sind.

Eisenman ist sich der Dürftigkeit seiner Argumentation wohl bewusst, denn er versucht sich noch an einer weiteren Unterfütterung seiner Hypothese, die allerdings genauso haarsträubend unwissenschaftlich ist wie die bisher vorgestellte. Indem er in einem langwierigen Exkurs die Zuverlässigkeit der Radiokarbondatierung bestreitet, kann er behaupten, die Schriften von Qumran seien nicht (wie die Annahme der Fachwelt lautet) in vorchristlicher Zeit entstanden, sondern Dokumente eben jenes »Oppositionsbündnisses«, dessen Existenz Eisenman so hartnäckig beweisen will. In verschiedenen Qumrantexten ist von einem apokalyptischen Endkampf zwischen Gut und Böse die Rede, zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Ausgefochten wird dieser Kampf zwischen Engeln und Dämonen, doch haben laut einigen der Texte beide Seiten ihre irdischen Repräsentanten, nämlich den »Lehrer der Gerechtigkeit« und den »Lügenpriester«. Diese Bezeichnungen sind Eisenman zufolge Codenamen für Jakobus und Paulus – wobei er über die unwesentliche Detailfrage hinweggeht, dass seinem eigenen Bild zufolge eher Jakobus die Bezeichnung Priester verdiente und Paulus die des Lehrers.

Die rigorose Gut-Böse-Dichotomie der Qumrantexte passt gut in Eisenmans Bild von den jüdischen Nationalist_innen um Jakobus, die die Welt fanatisch nach einem Freund-Feindin-Schema einteilen.** Das Problem ist nur, dass seine Behauptung, die Schriftrollen von Qumran stammten aus urchristlicher Zeit, völlig an den Haaren herbeigezogen ist und überhaupt nur dadurch möglich wird, dass er die Zuverlässigkeit der Radiokarbondatierung abstreitet. Inhaltlich geben die Texte nämlich überhaupt keine Anhaltspunkte dafür, dass sie irgendetwas mit dem entstehenden Christentum zu tun haben könnten. Die für das Urchristentum zentralen Personen wie Jesus, Paulus oder Petrus kommen in ihnen nicht ein einziges Mal vor. Nirgendwo gibt es Hinweise darauf, dass der »Lehrer der Gerechtigkeit« und der »Lügenpriester« auch nur dem Namen nach mit Jakobus und Paulus identisch sein könnten.

Im höchsten Maße fragwürdig ist auch Eisenmans Behauptung, im 1. Jahrhundert habe eine nicht nur gegen Rom, sondern auch gegen die Hellenisierung kämpfende jüdische Bewegung die Wiedererrichtung des hasmonäischen Reiches zum Ziel gehabt. Der Begriff der Hellenisierung meint einen durch die Eroberungszüge Alexanders des Großen im 4. Jahrhundert v. Chr. in Gang gesetzten Prozess, durch den sich die griechische Kultur im gesamten östlichen Mittelmeerraum verbreitet und ein kulturell dominantes Paradigma bildete. Nun gab es in der Tat verschiedene jüdische Bewegungen, die den Hellenismus bekämpften, da sie in ihm eine Gefahr für den jüdischen Monotheismus sahen – nicht zu Unrecht, denn vor der Entstehung des hasmonäischen Reiches gab es Hellenisierungsversuche, die so weit gingen, dem Judentum gewaltsam den griechischen Polytheismus aufdrängen zu wollen. Die hasmonäische Dynastie bezog ihre Legitimität zunächst aus der Bekämpfung solcher Tendenzen, trug später aber selber nicht unerheblich zur Hellenisierung des Judentums bei. Sofern es im 1. Jahrhundert noch jüdische Gruppen gab, die sich den Kampf gegen den Hellenismus auf die Fahnen geschrieben hatten, beriefen sie sich jedenfalls nicht mehr positiv auf die hasmonäische Dynastie – im Gegenteil, es gibt Anzeichen dafür, dass bereits die Qumranschriften als Polemiken gegen die späten Hasmonäer, insbesondere gegen Alexander Jannäus (103–76 v. Chr.), zu verstehen sind. Jedoch will ich hier nicht weiter darauf eingehen, was es mit dem Entstehungskontext und den Botschaften der Texte aus Qumran auf sich haben könnte, denn dies wäre eine Frage, die zu beantworten viel schwerer fällt, als pseudowissenschaftliche und verschwörungstheoretische Veröffentlichungen zum Thema es wahrhaben wollen. Fest steht, dass die Schriftrollen vom Toten Meer nicht das sind, was Eisenman in ihnen sehen will, und fest steht übrigens auch, dass schon seine zugrundeliegende Annahme, sämtliche politisch-religiösen Auseinandersetzungen im Judentum der Zeitenwende seien durch die monolithische Feindschaft zwischen einem hellenistisch-romfreundlichen und einem jüdisch-nationalistischen Block geprägt, einen gewaltigen Reduktionismus darstellt.

Ich fasse also zusammen: Eisenman behauptet, die wichtigsten schriftlichen Quellen zur Entstehung des Christentums seien gefälscht, und es gebe eine andere, »wahre« Geschichte, die durch diese Fälschung überdeckt werden sollte. Um seiner Behauptung Glaubwürdigkeit zu verleihen, muss er seine Leser_innen überzeugen, er verfüge über bessere zeitgenössische Quellen. Dies versucht er zu erreichen, indem er die Qumrantexte auf willkürliche Weise ins 1. Jahrhundert datiert. Das wiederum kann er nur, indem er die Radiokarbonmethode ablehnt. Statt die einfachste Lösung zu wählen, nämlich die, dass eine Hypothese zur Entstehung des Urchristentums an einer historisch-kritischen Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament nicht vorbei kommt (man kann nur mit den Quellen arbeiten, die nun einmal vorhanden sind), versucht er eine zweifelhafte Behauptung dadurch zu stützen, dass er weitere zweifelhafte Behauptungen auf sie häuft. Um bei seiner Ausgangshypothese zu bleiben, muss Eisenman die Dinge unnötig komplizieren, sie stetig undurchsichtiger machen. Wider alle Wissenschaftlichkeit betreibt er ein Verwirrspiel, wo es eine Erklärung bräuchte. Spätestens jetzt sollte klar sein, dass Eisenman keine Hypothese aufgestellt hat, sondern eine fixe Idee vertritt.

(Zur Fortsetzung.)

* L. Sprague de Camp, Lost Continents: The Atlantis Theme in History, Science and Literature, New York 1954.
** Weniger passend ist allerdings der militante Aktionismus, den Eisenman dem Jakobus zuschreibt, denn die apokalyptische Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse wird den Qumrantexten zufolge weitgehend von übernatürlichen Mächten ausgetragen und nicht durch Waffengewalt auf der Erde entschieden.

Donnerstag, 14. März 2013

Johannes der Evangelist in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten

Die Bildmonographien von Rowohlt sind eine verbreitete und vielgelesene Reihe von Einführungsbänden über Denkerinnen, Künstler und historische Persönlichkeiten. Sie sind zwar nicht unbedingt gleichzusetzen mit wissenschaftlichen Reihen wie den Junius-Einführungen oder der Denker-Reihe von C.H. Beck (es geht ihnen weniger um eine Rekapitulation des Forschungsstandes als darum, die dargestellten Persönlichkeiten in Bildern und ausführlichen Zitaten anschaulich zu machen), gelten aber durchaus als seriös.

Vor diesem Hintergrund erlebt man doch die eine oder andere Überraschung, wenn man in der Bildmonographie über den Evangelisten Johannes blättert. Nun muss fairerweise gesagt werden, dass über den Verfasser des Johannesevangeliums so gut wie nichts weiß, was als historisch gesichert gelten könnte – nicht einmal, ob er wirklich Johannes hieß, oder ihm dieser Name erst nachträglich beigelegt wurde, da die kirchliche Tradition den Apostel Johannes, den Sohn des Zebedäus, mit dem Verfasser des vierten Evangeliums gleichsetzte. Im Johannesevangelium selber wird allerdings nicht der Apostel, sondern ein namenlos bleibender »Jünger, den Jesus liebte« als Autor genannt. Fest steht eigentlich nur, dass das Johannesevangelium gegen Ende des 1. Jahrhunderts (oder in den ersten Jahren des 2. Jahrhunderts) entstanden ist.

Johannes Hemleben, den Verfasser der Bildmonographie, scheren solche historisch-kritischen Fragen wenig. Er nimmt einfach an, der vierte Evangelist sei mit dem Apostel Johannes der kirchlichen Tradition identisch und habe mit seinem Evangelium den Grundstein für ein bis heute bestehendes »esoterisches Christentum« gelegt. Diese erstaunliche Behauptung erklärt sich vor allem daraus, dass Hemleben Anthroposoph und Pfarrer der Christengemeinschaft ist. Die Anthroposophie Rudolf Steiners sieht sich bekanntlich nicht als Religion, sondern als eine »Geisteswissenschaft« an, womit weniger die herkömmlichen Humanwissenschaften gemeint sind, sondern vielmehr ein esoterisches »Wissen des Geistesmenschen«, das diesem aus der Welt des Übersinnlichen zukomme. Um aber auch den kultisch-religiösen Wünschen seiner Anhänger_innen entgegenzukommen, billigte Steiner 1922 die Gründung der Christengemeinschaft, die seitdem eine eigene Konfession für Anthroposoph_innen darstellt. Ihre Lehre besteht aus einer Mischung protestantisch-christlicher und anthroposophischer Elemente, u.a. wird der Glaube an Reinkarnation vertreten. Das Johannesevangelium hat unter den neutestamentlichen Texten eine besondere Bedeutung für die Christengemeinschaft, da ihm entnommen wird, Christus sei »der Schöpfer der Welt, der sichtbaren und der unsichtbaren«, der »die Menschheit vor dem Untergang in einem nur äußerlich-materialistischen Leben errettet«. Das ist zum einen eine eher zweifelhafte Interpretation des Johannesevangeliums, zum anderen aber entspricht es ziemlich deutlich der anthroposophischen Weltanschauung.

Mit der kenne ich mich nun nicht gerade en detail aus (schon deshalb nicht, weil ich persönlich lieber beim Materialismus bleibe), so dass ich nicht sagen kann, inwiefern Hemlebens »esoterisches Christentum« mit ihr identisch ist. Festzustellen ist jedenfalls, dass Hemleben sich nicht nur nicht am Mangel von historisch zuverlässigen Quellen stört, sondern auch durch die historisch unzuverlässigen Quellen mäandernd mal hier, mal da etwas aufklaubt, was ihm eben in sein Konzept eines »esoterischen Christentums« passt. Mit Vorliebe bedient er sich der Legenda aurea, einer Sammlung von Heiligenlegenden, die von dem Erzbischof Genuas Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert verfasst wurde. Darin steht naturgemäß wenig über den historischen Autor des Johannesevangeliums, dafür aber umso mehr über den Apostel Johannes, wie die kirchliche Tradition ihn darstellt – eine Unterscheidung, mit der Hemleben sich wie gesagt nicht aufhält. Interessanterweise erwähnt Hemleben auch die Legende, derzufolge Maria Magdalena mit einem Boot nach Südfrankreich gereist sei und dort die christliche Kirche eingeführt habe.* Diese (historisch äußerst unwahrscheinliche) Überlieferung ist bekanntlich eine der Keimzellen der Verschwörungstheorie um die Prieuré de Sion, deren elaborierteste Version besagt, Maria Magdalena sei bei ihrer Ankunft in Frankreich von Jesus schwanger gewesen, und ihr Sohn sei zum Vorfahren der fränkischen Dynastie der Merowinger und später des französischen Hochadels geworden.

Stellt sich die Frage, womit der Pfarrer einer Waldorf-Kirche sich zum Verfasser einer Einführung in ein historisches Thema (die in einer zwar populär gehaltenen, aber seriösen Reihe erschienen ist) qualifiziert hat, wo er doch allem Anschein nach Esoterik und Geschichtsschreibung nicht auseinanderhalten kann? Sein Vorname wird es nicht sein, denn er hat außer dem Johannes-Band auch noch die Rowohlt-Bildmonographien über Darwin, Galilei, Haeckel, Kepler, Steiner und Teilhard de Chardin verfasst. Man müsste glatt mal darauf achten, ob sich unter den Verfasser_innen der Bildmonographien noch mehr schräge Vögel finden lassen.

* Mir ist leider schon wieder entfallen, über welche verqueren Umwege des Denkens Hemleben diese Legende mit dem Evangelisten bzw. dem Apostel in Verbindung bringt.